18-05-17 RV_Nonclassical_Gabriel Prokofiev_Website

Gabriel Prokofiev Interview mit dem Artist in Residence

Gabriel, was hast du für Eindrücke von deinem ersten Besuch am Bodensee mitgenommen?
Ich war von der Schönheit des Sees und der Üppigkeit der Natur beeindruckt: die vielen Obstgärten, Weinberge und der hoch wachsende Hopfen unweit des Sees. Aber auch die historischen Städtchen, die malerisch in die Natur eingebettet sind und das alles in vier Ländern, die durch den See verbunden sind. Das ist ohne Zweifel eine sehr besondere Region in Europa!

Du lebst in London, wie ist deine Beziehung zu Russland?
Obwohl ich in London geboren wurde, fühle ich mich Russland sehr verbunden und wurde stark von seiner musikalischen Tradition beeinflusst. Ich bin mit der Musik meines Großvaters aufgewachsen, aber auch die Musik von Tschaikowsky, Schostakowitsch, Stravinsky, Schnittke oder Raskatow hat mich beeinflusst. Im Lauf der Jahre habe ich außerdem mit fantastischen Musikern aus Russland zusammengearbeitet und habe gemerkt, dass sie meine Musik auf sehr natürliche Weise spielen, genau so, wie ich es mir beim Komponieren vorgestellt habe. Die Verbindung besteht also auf beide Seiten.

Wie kann man die Stimmung bei einer Nonclassical Club Night beschreiben?

Die Atmosphäre ist weniger formell als bei traditionellen Konzerten. Die Leute sind nicht an ihre Stühle gefesselt und können etwas trinken, während sie zuhören. Wenn wir eine für uns unbekannte Musik hören, sollten wir entspannt sein, sodass unsere Ohren für neue Eindrücke offen sein können. Wir spielen auch nur kurze Sets von 20 Minuten, sodass das Publikum die Möglichkeit hat, in den Pausen das Gehörte im Gespräch zu reflektieren. Ich möchte mit den Nonclassical Nights die Ursprünge der Kammermusik wiederbeleben: Das waren viel mehr soziale Zusammenkünfte in Privathäusern als das bloße Vortragen von Musik vor einem passiven Publikum.

Worin liegt der Reiz der Kombination von klassischen Instrumenten und Elektronik?
Elektronik kann neue Klänge ins Konzerthaus bringen, die akustische Instrumente nicht hervorbringen können. Elektronische Musik repräsentiert aber auch die Weiterentwicklung der Technologien und so kann Elektronik eine Möglichkeit sein, klassische Musik mit unserem modernen Leben in Verbindung zu bringen. Es ist mir aber wichtig zu betonen, dass ich immer noch an die Kraft purer, akustischer Musik glaube und dass die Elektronik nur genutzt wird, wenn es eine kompositorische Notwendigkeit dafür gibt.

Was bedeutet die Musik deines Großvaters, Sergej Prokofjew, für dich?
Die Musik meines Großvaters ist mir sehr vertraut,
so wie das Gesicht oder die Hände meiner Eltern. Ich habe ihn leider nie getroffen – er starb 22 Jahre bevor ich geboren wurde – aber durch seine Musik kenne ich ihn sehr gut. Er hat mich auch als Person inspiriert:
seine beispiellose Hingabe an die Musik und seine Disziplin. Trotz der großen Herausforderungen, denen er
als Komponist gegenüberstand, schaffte er es, fantastische Musik zu schreiben.

Wie gestaltet sich dein Arbeitsprozess beim
Komponieren?
An Tagen, an denen ich hauptsächlich komponiere, höre ich keine andere Musik sondern gebe den Klängen und Ideen in meinem Kopf Raum. Aber natürlich stimuliert auch die Umgebung mein Denken. Wenn ich beispielsweise ein Geräusch oder einen Rhythmus vor unserem Haus höre, entwickelt sich daraus manchmal ein Motiv. Oft kommen mir die Ideen auch, wenn ich mit dem Fahrrad durch London fahre. Dann muss ich schnell stehen bleiben und die Idee für ein Motiv oder einen Rhythmus auf mein Smartphone singen.

Wie sieht die Zukunft klassischer Musik aus?
Ich denke, dass die klassische Musik eine strahlende Zukunft im 21. Jahrhundert erwartet. Es wächst eine neue Generation von Komponisten, Musikern und Veranstalter heran, die gegenüber neuen Stilen außerhalb der „Blase“ klassischer Musik offener sind. Ich glaube, dass Live-Konzerte mehr und mehr Relevanz im Leben der Menschen des 21. Jahrhunderts erlangen werden, besonders als Gegenpol zum bildschirmfokussierten Leben, das wir führen. Aufführungen klassischer Musik schenken uns eine künstlerische und emotionale Erfahrung mit einer Authentizität und Tiefe, die im digitalen Zeitalter oft fehlt.