vision string quartet - Bodenseefestival

„Wir gehen einfach etwas lässiger an die Sache heran”

 

Interview mit Jakob Encke, Daniel Stoll, Sander Stuart und Leonard Disselhorst

 

Was ist das Besondere an der Repertoire-Auswahl des vision string quartet und eurer Herangehensweise?

Wir haben festgestellt, dass die gemeinsame Auswahl von Stücken, die allen gefallen, am besten funktioniert. Viele Veranstalter tragen Programmwünsche an uns heran, aber wir führen Werke auf, mit denen wir uns auf der Bühne wohl fühlen und mit denen wir letztlich Publikum und Veranstalter begeistern können. Im Ergebnis präsentieren wir oft wenig bekannte Schätze der klassischen Musik wie etwa Kompositionen der Polin Grażyna Bacewicz oder führen Stücke verschiedenster Stilrichtungen auf, von denen man nicht gewohnt ist, sie auf Streichinstrumenten zu hören, wie beispielsweise Popsongs.

Wie funktioniert der künstlerische Prozess vom Popsong bis zur fertigen Bearbeitung?

Die meisten sehr guten Popsongs, in die wir uns verlieben, eignen sich überhaupt nicht zum Spiel auf einem Streichinstrument, da es selten vorkommt, dass die Melodie alleine gut klingt. Deswegen bewegen wir uns vom vorhandenen Material immer weiter weg und experimentieren mit eigenen Ideen im Rahmen popmusikalischer Möglichkeiten. Auf einer Bratsche beispielsweise entstehen dann Sounds wie auf einer Conga oder Bongos – je nachdem, auf welcher Stelle man auf das Instrument klopft.

Findet ihr eure Musik in dem Begriff Crossover wieder?

Unser Stil ist sehr schwierig zu definieren und dieses Problem begleitet uns schon seit dem Tag der Ensemble-Gründung. Crossover ist es in der Hinsicht, dass wir auf unseren Streichinstrumenten Musikstile spielen, die dafür eigentlich gar nicht gedacht sind. Andererseits ist es aber auch nicht richtig, diesen Begriff zu verwenden, weil Crossover die Vermischung von Stilen meint und wir sehr darauf achten, nicht Mozart zu verjazzen, sondern die Stile voneinander getrennt zu halten. Wir spielen entweder klassische Musik, ohne die Notentexte der Stücke zu verändern, oder wir spielen komplett nicht-klassisch, ohne Melodien der Klassik einfließen zu lassen.

Man liest über euch, dass ihr mit der Haltung einer Band spielt. Was kann man sich darunter vorstellen?

Wir sind einerseits Band und wir sind andererseits klassisches Ensemble. Bei unseren Konzerten machen wir oft und gerne beides. Wir gehen einfach etwas lässiger an die Sache heran, haben aber trotzdem eine gewisse Ehrfurcht vor den großen Werken von Beethoven, Bach und so weiter. Allerdings steckt auch in diesen Komponisten eine Portion Verrücktheit, die uns sehr entgegen kommt, weil wir es dann auch etwas verrückter angehen: Wir spielen ohne Noten, im Stehen, was eine normale Popband auch machen würde.

Was bedeutet euch das Format des klassischen Konzerts und wie würdet ihr es modifizieren wollen?

Wir spielen häufig in klassischen Reihen, bei denen ein klassisches Konzertformat erwartet wird, wie es seit nunmehr 120 Jahren besteht. Gut gefallen uns dezente Lichtstimmungen. Konzertsäle sind manchmal etwas steril und hinsichtlich der Beleuchtung unüberlegt konzipiert. Indem wir das Licht der restlichen Stimmung anpassen, versuchen wir den Geist des Publikums zu öffnen und die Spannung zu steigern.

Ihr müsst als Quartett bestimmt nicht nur viele künstlerische Entscheidungen treffen, sondern auch euer Leben gemeinsam organisieren. Wie ist denn das Leben zu viert?

Wie in einer Ehe, nur mit vier Männern [Lachen]. Und dass man viel mehr Zeit als in einer richtigen Ehe miteinander verbringt. Aber das Gute ist, dass es eine glückliche Ehe ist. Das heißt, wir verstehen uns sehr gut und machen auch auf dieser Basis zusammen Musik.

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